Was ist Liebe?
Gehen wir einmal von der indogermanischen Sprachfamilie aus und nehmen an, daß ihr ein gemeinsames Gedankengut zugrunde liegt.
Vokale spielen in der Etymologie eine untergeordnete Rolle. Nur Konsonanten haben bleibenden Wert. Diese Tatsache für sich genommen, ist schon so tiefsinnig, daß wir ihr an anderer Stelle eine intensive Betrachtung widmen werden.
Dieser Regel folgend streichen wir bei dem Wort  Liebe die selbsttönenden Buchstaben und erhalten einen Wortstamm aus den Konsonanten "l" und "b", also "lb".
Suchen wir in der meiner unmaßgeblichen Meinung nach durchdachtesten Sprache der ersten Philosophen des Abendlandes, dem Altgriechischen, nach einem Wort, bei dem ebendieser Stamm nach Eliminierung der Vokale übrig bleibt, so werden wir auf das Wort "leibo" stoßen.
Aber wir geben noch nicht auf, sondern machen einen kleinen Excurs von dieser alten Sprache, von der wir nicht genau wissen, wie sie gesprochen wurde, zu den lebendigen im europäischen Raum. Hier werden wir auf das Phänomen stoßen, daß häufig in einem Wort ein "b" zwar geschrieben, aber ein "v" gesprochen wird, und umgekehrt. Unser fragliches Wort hat darüber hinaus im Englischen den von Vokalen bereinigten Stamm "lv".
Bei unverkrampftem, erneutem Durchforsten des Altgriechischen finden wir nun ein weiteres Wort, daß unseren bisherigen gedanklichen Kapriolen entspricht. Sein Wortstamm besteht aus einem "lamda" und einem "ypsilon". Das altgriechische Ypsilon hat die äußere Form unseres kursiv geschriebenen lateinischen "v".
I
N
T
L
E
B E N
N
S
I
V
Da wir keine Sprachwissenschaftler sind, dürfen wir uns einmal die augenscheinlich verschiedenen Bedeutungen dieser Worte anschauen. In dem altehrwürdigen Wörterbuch "GEMOLL" werden aufgeführt:
leíbo“ (aus ljeíbo, woraus auch eîbo, vgl. lat. libare)
I. act. 
 1. fließen lassen, ..., ausgießen, spenden, ...
 2. fließend machen, erweichen
II. med.
 1. fließen, herabfließen,...
 2. zerfließen, schmelzen, hinschmachten
"lüo" (vgl. lat. luo büßen, bezahlen; solvo von se-luo)
 I. act. u. pass.
 1. lösen, befreien
 2. auseinandergehen lassen, trennen,
  (ab)-brechen, beseitigen, übertreten,
  zerstören
 3. Nutzen schaffen, frommen
II. med.
 1. sich (sibi) etw. losmachen
 2. auslösen, loskaufen, befreien
 3. als Lösung ergeben
Der Vollständigkeit halber sei noch auf den Umstand hingewiesen, daß beim Zusammenziehen der lateinischen Wörter se und luo zu solvere aus dem "u" ein "v" wurde. Ein Vokal wandelte sich also zu einem Konsonanten.
Dem Leser sei es überlassen, sich zu jeder der oben aufgeführten Bedeutungen seine eigenen Gedanken in bezug auf das deutsche Ausgangswort zu machen. Ich möchte aus der Vielzahl nur drei herausgreifen und meine Überlegungen dazu niederschreiben.
Wie kann eine Mutter ihre geliebten Kinder zu mündigen Erwachsenen erziehen, ohne ihnen zu helfen, sich von ihr zu lösen, und sich gleichzeitig selbst von ihren erwachsenen Kindern zu lösen?
Was kann zerstörerischer sein als eine narzistische Eigenliebe, die nur auf den eigenen Vorteil bedacht ist und die eigene Person zum Maß aller Dinge erhebt?
Wie kann ein Paar sich gegenseitig schöner frommen, als einander die sehnlichsten Wünsche von den strahlenden Augen abzulesen und sie uneigennützig erfüllen zu wollen?
E RSEHNEN, ERLEBEN, VERSINKEN
R UHE UND FRIEDEN UND GLÜCK
O BEN UND UNTEN IN HONIG ERTRINKEN
S CHIMMERND KEHRT EDEN ZURÜCK
R OT WIE WALLENDES BLUT
O MEN FÜR ZÄRTLICHKEIT
S AME KEIMENDER GLUT
E NDE DER EINSAMKEIT

  ------------------------------- -------------------------------