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Was ist Mut? |
| Damals, 1960, war unser Dorf noch nicht
eingemeindet
in die Stadt Koblenz. Obwohl ich aus verschiedenen Gründen beinahe
nicht
in die fünfte Klasse der katholischen Volksschule versetzt worden wäre,
durfte ich nach dieser fünften zum rein humanistischen Gymnasium in
Koblenz.
In die Stadt, oder neudeutsch City, fuhren meine Eltern nur, um größere
Einkäufe oder wichtige Behördengänge zu besorgen. Kino hatten wir ja
schon
im Dorf. Und Schützenfest und Kirmes und Karneval waren genug zum
Groß-Ausgehen.
Eine Woche nach Ostern war dann mein erster Pennen-Tag. Meine Mutter fuhr natürlich mit. Vater war mit seiner NSU-Maschine unterwegs, wie immer, wenn er für seinen LKW neue Aufträge suchte und fand. Naja, auf jeden Fall war es so um Pfingsten rum, als meine Mutter eines Abends mir einen Stapel Papiere vorlegte und folgenden Auftrag gab: „Jetzt paß gut auf, Heinz-Peter! Diese ausgefüllten und sehr wichtigen Formulare bringst Du bitte morgen zum Finanzamt. Das ist ja nicht soweit von Deiner Schule. Und Zeit hast Du nach der letzten Stunde auch noch genug, bis Dein Zug fährt.“ Ich war ja erst zehn und antwortete mit Tränen in meinen ratlosen Augen: „Mama, das kann ich doch nicht. Da war ich noch nie. Nicht einmal mit Dir! Und was soll ich denn da sagen?“ Mit dem ihr eigenen Lächeln sagte sie nur: „Geh einfach hin, und dann fällt Dir schon das Richtige ein!“ Du kannst Dir nicht vorstellen, wie ich in dieser Nacht geschlafen habe. Die schlimmsten Monster, die ich mir erträumen konnte, saßen in einer riesigen Halle und glotzten alle nur dauernd auf die Eingangstür, wo ich hundserbärmlich stand und weder vor noch zurück konnte. Und den Weg von meiner Schule zur Schloßstraße 8, da war das Finanzamt bis vor ein paar Jahren noch, bin ich dann am nächsten Tag nach meiner letzten Schulstunde so geschlichen, als würde bald mein letztes Stündlein schlagen. Aber als ich dann durch die große Tür in das ansonsten freundlich wirkende Gebäude meinen kleinen Körper geschoben hatte, sprach ich mit den trockenen Kerlen darin, wie mir der Schnabel gewachsen war. Keiner merkte mir an, jedenfalls haben sie es mich nicht merken lassen, daß ich mir in der Tat fast in die Hose geschi..., pardon, gemacht hätte. Nach 10 oder 13 Minuten war ich den Auftrag pflichtgemäß und natürlich exakt nach Vorgabe losgeworden und wieder an der frischen Luft. Jetzt hätte ich den Oberbürgermeister persönlich und ohne Voranmeldung mit welchem Auftrag auch immer aufgesucht. So frei hatte ich mich vorher noch nie in meinem kurzen Leben gefühlt. Und wie ich dieses Gefühl genossen habe. Könnte sein, daß ich an diesem Tag zwei oder drei Zentimeter gewachsen bin. Auf jeden Fall gehe ich seither gerne zu Behörden und komme selbst mit dem schlimmsten Dotterkopp gut zurecht. Was ich sagen soll, sagen mir seine Augen, seine Hände, seine Mundwinkel, seine Vorschriften. Natürlich auch seine Worte! |
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